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Im digitalen Ökosystem gibt es kein „too big to fail“

von Harald A. Summa, CEO, DE-CIX

Dass Frankfurt der wichtigste Datenumschlagplatz Europas ist, ist kein Zufall – aber auch kein Garant für die Zukunft. Wenn wir fit für morgen sein wollen, sollten wir uns daran erinnern, was uns groß gemacht hat: Der Mut, neue Verbindungen einzugehen.

Was für die Kohlenstoffwelt der Stoffwechsel ist, ist im digitalen Ökosystem das Arbeiten mit Daten. Wer es macht, darf leben. Alles andere wird bestenfalls noch als Ressource verwertet. Darum kann es gar nicht oft genug gesagt werden: Daten speichern, Daten verarbeiten, Daten nutzen und aus Daten Wertschöpfung generieren – das ist die Grundvoraussetzung für eine gute digitale Zukunft.

Aber Teil eines stetig wachsenden Datenstroms zu sein, ist noch nicht genug. Wer im digitalen Ökosystem überleben will, muss über den eigenen Organismus hinaus denken. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

Etwa ein Vierteljahrhundert ist es her, als sich in Frankfurt die ersten Internet Service Provider zusammenschlossen, um Daten direkt miteinander tauschen. Damals keine Selbstverständlichkeit, denn eigentlich befand man sich ja in Konkurrenz. Dennoch rauften sich die Beteiligten damals zusammen und beschlossen, ihr Geschäft nicht als Kuchen zu betrachten, von dem jeder ein möglichst großes Stück haben will. Sondern als Ökosystem.

Aus Konkurrenten wurden Partner, deren erste couragierte Verbindungen sich nach und nach als so erfolgreich erwiesen, dass sie weitere Akteure anlockten. Schließlich begann in Frankfurt rund um den Internetknoten DE-CIX und den Rechenzentren, in denen er betrieben wird, eine Community zu florieren, die sich zu dem entwickelte, was heute als Internet- und Cloud-Hub Europas gilt.

Digitale Infrastrukturen sind wichtig – aber wie misst man „wichtig“ eigentlich?

Es ist heutzutage schwierig, jemanden zu treffen, der digitale Infrastruktur nicht für wichtig hält. Die Experten in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft sind sich längst einig, dass das Internet und die zugehörigen Dienste so elementar sind beispielsweise Strom, Wasser oder eine vernünftige Verkehrsinfrastruktur. Es gibt auch Versuche, den Wert des Internets, zumindest für die Wirtschaftsleistung, zu beziffern. Aber so beeindruckend die Zahlen auch sein mögen, schaffen sie es meist dennoch nicht, die Bedeutung digitaler Infrastrukturen für unser Gesellschaft zu umfassen abzubilden. Das liegt zum einen daran, dass die von der Internetinfrastruktur abhängigen Branchen, sei es Mobilität, Chemie, Fertigung oder das Gesundheitswesen, in diesen Berechnungen üblicherweise allenfalls nachrangig berücksichtigt werden. Zum andern liegt es daran, dass der Wert eines Netzwerks nur schwierig mit Formeln zu ermessen ist.

Es gängige Formel zur Berechnung des Nutzens von Netzwerken lautet: Der Nutzen eines Netzwerks steigt im Quadrat mit der Zahl der angebundenen Teilnehmer. Klingt auch logisch. Ein Netzwerk, das über 200 Teilnehmer verfügt, ist demnach viermal so nützlich wie ein Netzwerk, das aus 100 Teilnehmern besteht. Aufgestellt hat diese Gleichung Robert Metcalfe, Erfinder des Ethernets. Sie ist einfach zu merken, einfach auszurechnen.

Sie ist, wie ich finde, zu einfach.

Der Fehler liegt meines Erachtens in der Annahme, jedem Teilnehmer den gleichen Wert beizumessen. Zumindest das Netzwerk, das ich ständig in meiner Hosentasche mit mir herumtrage, funktioniert ganz anders. Wenn ich das Adressbuch meines Handys öffne, sehe ich dort viele Nummern. Sind diese Nummern alle gleich wichtig? Das sind sie natürlich nicht. Die meisten davon habe ich noch nie angerufen. Bei einigen weiß ich, dass, wenn ich dort anrufe, niemand rangeht. Und dann gibt es noch die, bei denen zwar jemand rangeht – aber dann gar nicht mehr aufhören will zu telefonieren. Und trotzdem wäre, wenn ich mein persönliches Netzwerk aus Telefonnummern nach Metcalfe zu ermessen versuchte, jeder Eintrag exakt gleichwertig.

Zumindest in meinem Telefonbuch ist die Metcalfesche Gesetz damit nicht brauchbar – und ich fürchte, bei einer so komplexen Angelegenheit wie einem Internetknoten taugt es noch viel weniger. Denn hier ist es ja gerade die Verschiedenheit der Teilnehmer, aus der sich die Vielfalt der Möglichkeiten und damit die Attraktivität des Angebots speist – und die Interconnection überhaupt erst zu einem Geschäftsmodell macht, in dem so viel mehr steckt, als zwei Kabel miteinander zu verbinden.

Das Thema Interconnection ist also schwer greifbar und kaum adäquat zu quantifizieren. Ich fürchte, es liegt unter anderem daran, dass sie Branche sich seit Jahren an dem für alle Insider auf der Hand liegenden Thema EEG die Zähne ausbeißt. Ich fürchte außerdem dass wir uns, solange das so ist, vor allem auf uns selbst verlassen müssen, wenn wir uns gut auf die Zukunft vorbereiten wollen.

Frankfurts Spitzenposition sollte nicht zum Ausruhen verleiten

Der Blick auf zwei Parameter – die Zahl der angeschlossenen Netzwerke und das gesamte Datenvolumen – sollte uns dabei nicht zum Kopf steigen. Der Frankfurter Internetknoten und mit ihm die gesamte Frankfurter Internet-Infrastruktur landet in beiden Disziplinen weltweit regelmäßig an der Spitze. Aber der Technologie-Friedhof ist voll von Geräten, die wir einst für unersetzlich hielten. Daten sind ein extrem mobiles Gut. Und im digitalen Ökosystem gibt es kein „too big to fail“.

Deutschland wird wohl noch länger ein Standort mit vergleichsweise hohen Energiekosten und langen Genehmigungsverfahren bleiben. In den vergangenen Jahren war das für hier tätige Anbieter ein ständiger Ansporn, noch besser werden zu müssen. Aber Konkurrenz bleibt auch im Interconnection-Business ein Thema, das stark im Vordergrund steht. Schon einmal hat die Branche den Mut aufgebracht, aus einer Konkurrenz eine starke Allianz zu schmieden. Partnerschaften eingehen, Kooperationen wagen, neue Verbindungen schaffen: Das war der Weg zum Erfolg für den Cloud Hub Frankfurt.

Ich glaube, dass dieser Mut uns auch heute wieder den Weg in eine gute Zukunft zeigen kann, denn genau das können wir schließlich besser als andere: Verbindungen schaffen – die allen zugute kommen. Bloß mit dem Unterschied, dass die Partnerschaften, auf die es morgen ankommt, nicht mehr nur vor der eigenen Haustür entstehen. Wir werden uns noch stärker global und regional für unsere Vision und unsere Idee von Partnerschaft engagieren müssen.

Über Harald A. Summa

Summa ist CEO von DE-CIX, CEO von DE-CIX International GmbH und DE-CIX North America Inc. und engagiert sich zudem unter anderem im Rat für Digitalethik der Hessischen Landesregierung. Summa zählt laut Fachmagazin Capacity zum Kreis 100 wichtigsten Köpfe der globalen Telekommunikationsbranche.

Mehr von Summa finden Sie unter https://harald-a-summa.de.