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„Erstmals in der Geschichte ist eine große Veränderung ohne große Katastrophe denkbar“

Chris Boos, Gründer und CEO der Arago GmbH, zu Gast beim 11. Frankfurter Symposium für Digitale Infrastruktur

Chris Boos hat mit Arago ein Unternehmen gegründet, das KI-Plattformen für den Bereich B2B entwickelt. Als Mitglied des Digitalrats berät er die deutsche Bundesregierung in Sachen Digitalisierung und fordert eine „Willkommenskultur für Innovationen“. Beim 11. Frankfurter Symposium für Digitale Infrastruktur von Interxion in Frankfurt erklärt er, warum wir uns vor KI nicht fürchten müssen.

„Gemeinschaft zählt mehr als Egoismus, Fakten mehr als Glaube, Neugier mehr als Sicherheit und Denken steht von dem Fühlen.“ Was Chris Boos beschreibt, ist nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. Vielmehr: eine mögliche Zukunft. Eine Zukunft, in der Unternehmen das Thema Künstliche Intelligenz erfolgreich für ihre Geschäftsmodelle nutzen – und in der es uns als Gesellschaft gelungen sein wird, mit den unausweichlichen Folgen im positiven Sinne klarzukommen.

Künstliche Intelligenz: Das ist ein Schlagwort, das vielen Menschen Unbehagen bereitet. Boos, der als Gründer von Arago Vordenker und Wegbereiter ist, weiß das. Er weiß auch, wie er mit solchen Bedenken umzugehen hat. Zum Beispiel, indem er klarstellt, was KI nicht ist. Und was sie nicht kann. Den Menschen ersetzen etwa. Ein einfaches Telefonat, bei dem beide wissen, worum es geht? Das mag eine Maschine wohl erfolgreich nachspielen. Einen Tisch im Restaurant reservieren oder einen Termin beim Friseur vereinbaren. Sobald wir Menschen aber ein wirkliches Gespräch miteinander führen, also eines, in dem wir uns in den Freiräumen zwischen unseren Instinkten, der semantischen Ebene der Sprache und unserer Ratio bewegen, sei von der Maschine kein brauchbarer Beitrag zu erwarten.

„Auf die Maschine, die Ich liebe dich sagt und das auch so meint, müssen Sie noch warten“, teilt Boos den Gästen, die Interxions Einladung in die Frankfurter Kirche St. Peter gefolgt sind, mit. Ein Netzwerk aus einer Million Knotenpunkte zu betreiben, koste so viel Energie wie ein ganzes Atomkraftwerk, während das menschliche Gehirn mit seinen durchschnittlich 84 Milliarden Nervenzellen selbst mit einem Butterbrot betrieben werden könne. „Vielleicht sind wir in 150 Jahren soweit“, sagt Boos. „Bis dahin hilft Tinder.“

Wenn 80 Prozent aller Vorgänge automatisiert werden, stehen auch 80 Prozent aller Jobs auf dem Spiel

Wir können einer Maschine beibringen, Korrelation zu erkennen und das sogar sehr, sehr gut. Von Kausalitäten hingegen verstehen Maschinen nichts, so Boos. Nicht dass das mit den Korrelationen unterschätzt werden solle. Boos zufolge können in vielen Unternehmen bis zu 80 Prozent aller Vorgänge automatisiert werden, wobei mit der Automatisierung oft enorme Sprünge bei der Effizienz zu erzielen sind. Eine direkte Folge davon liegt auf der Hand: Wenn 80 Prozent aller Vorgänge an Maschinen übertragen werden können, stehen auch 80 Prozent der Jobs auf dem Spiel.

Für Boos ist das eine Realität, der wir viel gelassener entgegen sehen können, als wir das bisher tun. Denn einerseits seien die Jobs, die automatisiert werden können, nicht unbedingt Jobs, die glücklich machen. Kein Mensch wolle schließlich arbeiten „wie eine Maschine“. Wichtiger noch: Selbst wenn der Großteil der Arbeit, die heute noch von Menschen geleistet wird, von Maschinen übernommen werde, bliebe immer noch genug zu tun.

Zum Beispiel, sich ihrer eigentlichen Bestimmung zu widmen, die, wenn er sich die Menschen, die morgens aus den Pendlerzügen steigen, anschaue, kaum darin liege, Zeit in Bürotürmen abzusitzen. Die Prozesse, die wir uns mit der Industrialisierung geschaffen haben, entsprechen nicht der menschlichen Natur, so Boos. Gelingt es uns jetzt, automatisierbare Aufgaben zu automatisieren, entstehen Freiräume. Für eine gesunde Servicekultur, für nachhaltige Innovationen. Für Kreative, Tüftler und Pioniere.

Was wäre, wenn Pflegekräfte nach dem Prinzip des Value Based Pricing bezahlt würden?

Mit zunehmender Automatisierung, so Boos, werden Services, die von Menschen für Menschen erbracht werden, immer wichtiger. Gelte im Gesundheitswesen das Prinzip des Value Based Pricing, bekäme manche Pflegekraft Millionen. In einer Zukunft, in der Standardprozesse weitgehend automatisiert sind und skaliert werden können, mag das umso mehr gelten. Zumal in einer Gesellschaft, die sich nicht, wie die USA, nur am Profit orientieren und auch nicht, wie China, am Prinzip der Kohärenz – sondern wie die unsere am sozialen Frieden. „Erstmalig in der Geschichte der Menschheit könnten wir eine große Veränderung schaffen, die nicht von einer großen Katastrophe begleitet wird“, so Boos.

Ob der digitale Wandel gelingen wird? Boos ist zuversichtlich. Aber nicht naiv. „Wir treffen in den nächsten zwei, drei Jahren alle Entscheidungen, die festlegen, ob wir in Zukunft noch Wirtschaftsmacht sind oder Entwicklungsland.“ Dass wir dazu imstande sind, daran hat er keinen Zweifel. Denn unsere Wirtschaft, vor allem die mittelständischen Unternehmen, verfügten über ein Wissen, das den vermeintlich übermächtigen Gegenspieler in Nordamerika und Asien fehle: das über die gesamte Wertschöpfungskette. „Dieses Wissen ist der Rohstoff, um KI zu betreiben. Und es ist der einzige Grund, warum wir überhaupt noch mit am Tisch sitzen.“

Vertreter aus Politik und Verwaltung, Mittelständler aus den Schlüsselbranchen unserer Wirtschaft, Netzwerkspezialisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und immer wieder Tecchies: Die Gäste von Interxion haben die unterschiedlichsten Hintergründe. Sie sind gekommen, weil sie Herausforderung der Digitalisierung annehmen, weil sie das stetig steigende Datenvolumen und die immer weiter zunehmende Rechenpower in den Hosentaschen, auf den Schreibtischen, in den Rechenzentren und in den Clouds als Chance betrachten. „Sie sind die Macher“, ruft Boos ihnen zum Abschied zu. „Machen Sie was!“