Digitalisierung sinnstiftend einsetzen - Teil 5: sozialer Frieden

In der digitalen Welt decken wir gerade erst unsere grundlegenden Bedürfnisse

Unsere dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen können wir nur mit Hilfe digitaler Technologien lösen. Worauf es dabei ankommt, versucht diese fünfteilige Blogserie mit Hilfe von Expertinnen und Experten für die Bereiche Wirtschaft, Landwirtschaft, Mobilität, Klima und sozialer Frieden zu zeigen.

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink auf dem Symposium 2021

Erfolg oder Nichterfolg hängen im globalen und digitalen Wettbewerb oft von der Nutzung und Verfügbarkeit von Technologie ab. Dabei ist im Vorteil, wer bei der Gewinnung von Kunden und Markanteile die modernsten Mittel einsetzt. Doch auch das beste Werkzeug ist immer nur Mittel zum Zweck – und für nachhaltigen Erfolg brauchen Unternehmen mehr als nur bahnbrechende Technologien. Beim Weg in die Zukunft lohnt sich ein Blick weit zurück in die Vergangenheit.  

Für Prof. Dr. Dr. Alexander Brink, der an der Universität Bayreuth Wirtschafts- und Unternehmensethik lehrt, sollten sich gerade auch digitale Unternehmen zurückerinnern an eine Zeit, als Daten noch auf Papyrus gespeichert wurden. Aristoteles‘ Credo, dass der Mensch durch die Entwicklung seiner Tugenden glücklich werde, sei ein Faktor, der für heutige Unternehmen und die Ökonomie zunehmend wichtig werde.

 

Menschliche Bedürfnisse komplexer als oft dargestellt

Die Rückkehr zum komplexen Menschenbild der Antike sei dem Idealbild des Homo Oeconomicus, an der sich die Wirtschaftswissenschaften an den meisten Universitäten noch immer orientiere, überlegen: Die fiktive Person des Homo Oeconomicus trifft seine bestens informierten Entscheidungen stets nach rationalen Interessen. Die Befriedigung seiner persönlichen Interessen wird durch lediglich zwei Faktoren – Präferenzen und Restriktionen – gesteuert, ein laut Alexander Brink schon immer ein fehlerbehaftetes Denkmodell.

Die menschlichen Bedürfnisse hält Alexander Brink für deutlich komplexer als oft dargestellt. Bei der von Abraham Maslow inspirierten Pyramide sind sie hierarchisch angeordnet, wobei die grundlegendsten physiologischer Natur sind, gefolgt von Sicherheits-, sozialen und Individualbedürfnissen und die Selbstverwirklichung an der Spitze steht. Höher angesiedelte können dabei erst befriedigt werden, wenn die darunterliegenden größtenteils gedeckt sind.

In der modernen Gesellschaft ist ein ausdifferenzierteres und modifiziertes Modell menschlicher Bedürfnisse nötig. Die vielleicht wichtigste Änderung: An oberster Stelle steht nicht die Selbstverwirklichung, sondern der soziale Einfluss. Das Ich steht noch immer an der Spitze, aber nicht mehr isoliert, sondern als Teil einer Gruppe. „Bei Aristoteles war es die Polis, die das Zentrum des Kosmos war und in der sich alles abspielte“, so Alexander Brink. „Heute brauchen wir eine neue Ökonomie, die viel stärker wertegetrieben ist.“

 

Sinnstiftende Organisationen haben auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung beste Chancen auf Erfolg

Alexander Brink ist davon überzeugt, dass in der modernen Bedürfnispyramide etliche Nischen bereits besetzt sind. Das schnelle und unkomplizierte Erwerben von Konsumgütern, die Vernetzung mit Freunden und Kollegen, das schnelle Auffinden von Informationen und einfach zu bedienende Endgeräte: Dafür gibt es bereits hochspezialisierte Anbieter, die aufgrund der Logik der Plattformökonomie kaum Chancen für neue Marktteilnehmer bieten.

Diese Bedürfnisse sind jedoch meist unten auf der Pyramide angesiedelt: „Auf der funktionalen Ebene sind die größten Unternehmen der Welt führend und uneinholbar“, sagte Alexander Brink. Doch weiter oben, auf der sinnstiftenden Ebene, „ist noch viel Platz.“

Die stehe offen für sogenannte „Purpose Leader“. Das sind nach Alexander Brink Unternehmen, die „überzeugend für Werte stehen, die eine Haltung haben und integer sind. Bei ihnen besteht Kohärenz zwischen Haltung, Handlung und Wirkung.“ In einer Umwelt, die sich so ändert, dass auch der Mensch sein Leben ändern muss, sei das Chance und Aufgabe zugleich: Sinnstiftende Organisationen, die diese Herausforderung mit Zuversicht anpacken, haben auch und gerade im Zeitalter der Digitalisierung beste Chancen auf Erfolg.