Digitalisierung sinnstiftend einsetzen: Teil 1 - Wirtschaft

Von der Möglichkeit, sich auf das Unvorhersehbare vorzubereiten

Für die Lösung vieler unserer dringendsten gesellschaftlichen Herausforderungen setzen wir auf digitale Technologien. Worauf es dabei ankommt, versucht diese fünfteilige Blogserie mit Hilfe von Expertinnen und Experten für die Bereiche Wirtschaft, Landwirtschaft, Mobilität, Klima und sozialer Frieden zu zeigen.

Janina Kugel und Frank Bethmann im Austausch (Symposium 2021)

16 November 2021

Wie wollen und wie werden wir in Zukunft leben? So wichtig diese Fragen sind, so schwierig sind sie zu beantworten. Selbst Experten liegen häufig daneben und das nicht nur, wenn es ums Große und Ganze geht, sondern sogar in ihrer ganz speziellen Nische.

So hat Microsofts Steve Ballmer 2007 über das kurz vor der Markteinführung stehende iPhone gesagt, es werde nicht mehr als einen Marktanteil im einstelligen Prozentbereich erringen können. Eine Meinung, die heute auch von Laien als grandiose Fehleinschätzung erkennbar ist – die aber ehrlicherweise schnell zu der Frage führt: Von welchen Annahmen lassen wir uns womöglich gerade jetzt in die Irre führen?

Laut Janina Kugel sollten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir vieles nicht wissen. „Wenn wir auch noch so sehr glauben, was wir alles wissen“, sagte sie am 12. Frankfurter Symposium für Digitale Infrastruktur, „die Zukunft ist nicht klar.“ Bevor sie als Senior Advisorin zur Boston Consulting Group ging, war Janina Kugel lange Zeit bei der Siemens AG tätig, offiziell als Personalvorstand, inoffiziell als „geheimer Superstar“. Sie verfügt über die seltene und kostbare Gabe, die oft scheinbar widersprüchlichen Interessen von Gesellschaft, Wirtschaft und Individuum gleichzeitig im Blick zu behalten.

 

Umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften trägt zum Geschäftserfolg bei

Gesellschaftlich stehen wir vor einer Herausforderung, bei deren Lösung ist Technologie unverzichtbar. „Planetare Ressourcen sind endlich.“ Wie viele setzen wir ein, wie viele verbrauchen wir, wie steht es ums Sammeln und Wiederverwenden: Der Umgang mit unseren Ressourcen sei die zentrale Herausforderung, digitale Tools wesentlicher Teil der Lösung. „Digitalisierung und technologischer Fortschritt müssen zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft Bestandteil unseres ökonomischen Handelns sein.“

Bei Unternehmen sieht Janina Kugel für das originäre Ziel – wirtschaftlicher Erfolg – eine zunehmende Bedeutung von Environmental Social Governance, kurz ESG. Endkunden, Mitarbeiter und Shareholder erwarten von Unternehmen das Einhalten von Standards, die ein umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften gewährleisten sollen. „Darauf haben Unternehmen nicht immer und überall die richtigen Antworten“, sagte Janina Kugel, „aber sie werden immer öfter gefordert.“ Der Fokus auf ESG sei kein Kompromiss zur Eigenkapitalrendite, sondern trage vielmehr zum Geschäftserfolg bei.

 

Weg vom Fixed Mindset und hin zum Growth Mindset

Der einzelne Mensch sieht sich nicht nur einer globalen Klimakrise konfrontiert, auch die Folgen der Digitalisierung für die Wirtschaft und womöglich für das eigene Wirtschaften sind kaum abschätzbar. Jeder Mensch ist für das Erfüllen seiner grundlegenden Bedürfnisse wie ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch und Teilhabe an der Gesellschaft auf einen Job angewiesen. Für viele ein großer Unsicherheitsfaktor und Grund für berechtigte Sorgen.

Janina Kugel gibt sich keinen Illusionen hin, ihrer Überzeugung nach wird das bisherige Modell, bei dem „lineare Karriereentwicklung und lineares Lernen durch Führungskräfte und HR definiert werden“, nicht mehr weitergehen. Es zähle auch nicht mehr, was jemand die letzten zehn Jahre gemacht habe. „Interessant ist nur, was Sie jetzt können“, so Janina Kugel.

Das jedoch sei weit mehr, als im Job im Alltag gefordert werde. Es stecke auch mehr in jedem Menschen, als im Job honoriert werde und es sei wichtig, dieses Potenzial zu entfalten, „dorthin zu gehen, wo es Spaß macht“. Jeden Monat ein gewisses Pensum an Stunden in Dinge zu investieren, die mit dem Tagesgeschäft nichts zu tun haben, sei für die Entwicklung weg vom überholten Modell des „Fixed Mindsets" unabdingbar. Ziel ist das „Growth Mindset“: Eine Haltung, mit der Fehler zu machen dabei hilft, neue Ziele zu erreichen.